Vor ca. zwei Monaten wurde per SOS eine Pflegestelle für Rufin gesucht. Rufin war einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen und erlitt schlimme Verletzungen des rechten Hinterlaufs, welche dringend hier in Deutschland behandelt werden sollten. Rufin in Thessaloniki abholen, Pflegefamilie finden, Operation durchgeführt und gut verlaufen - alles in bester Butter. Rufin müßte eigentlich einmal wöchentlich zum Wallfahrtsort nach Kevelaer pilgern, um dort demütig seinen Rettern zu danken.
Doch das wäre ja nicht Rufin, den wir in Rudi umgetauft haben. Nachdem Rudi die arme Familie Hagedorn samt vierbeinigem Anhang fast in den Wahnsinn getrieben hat, ist er heute auf den Tag genau zwei Wochen bei uns und es gibt keinen Tag, an dem wir nicht feststellen müssen "schlimmer geht immer". Zuerst einmal wurden wir darauf eingestielt, daß Rudi bitte aufgrund der schweren und großen Operation sich möglichst wenig bewegen sollte. Wenn wir das hätten beherzigen wollen, hätten wir Rudi schon komplett eingipsen müssen - er entpuppte sich als absoluter schmerzfreier Springinsfeld, der sein Fressen hauptsächtlich durch einen Sprung auf den Terrassenstuhl, um von dort aus auf den Gartentisch zu kommen. Fressen ist ohnehin für ihn ein ganz großes Thema. Obwohl er sonst ein ausgesprochen spielfreudiger und sehr sozialisierter Rüde ist, sein Freßchen ist seines! Es vergeht kein Tag, wo er uns nicht mit einer neuen Überraschung "erfreut". Gestern wurden wir sehr früh durch das Aufklatschen und Klirren einer Flasche auf dem Fliesenküchenboden geweckt. Scheinbar war Rudi sein gewöhnliches Frühstück satt und gedachte sich, ein Sektfrühstückchen zu genehmigen. Gefühlte 100.000 Splitter und eine große Lache Sekt in der Küche erwarteten uns. Rudi und Kumpels wußten schon, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugegangen war und hatten sich in den hinteren Garten verdrückt.
Gegen Nachmittag wollte ich für uns einen Salatteller zu bereiten und da es ein Gourmetsalatteller werden sollte, legte ich sechs mit Speck ummantelte Schafskäsestückchen in die Pfanne. Kurz abgelenkt, nutzte Rudi die Gelegenheit sich die Schafskäsestückchen einzuverleiben. Scheinbar fand er das auch völlig in Ordnung, denn wir konnten kein Unrechtsbewußtsein bei ihm feststellen - im Gegenteil, er schaute ausgesprochen unschuldig aus der Wäsche.
Also, der Kumpel hält uns ziemlich auf Trab, aber am Sonntag ist für ihn der Spuk hier vorbei. Wir hatten nämlich das große Glück, für ihn ein junges, sportliches Paar mit großem Haus und noch größerem Grundstück gefunden zu haben, die genau so einen Tunichtgut haben möchten. Die werden sich noch wundern, was Rudi aus einem betulichen Leben alles heraus zaubern kann.
