Nikiti – ein Reisebericht der etwas anderen Art
Bevor ich hier meine Eindrücke der APN Station in Nikiti wiedergebe, sollte zum besseren Verständnis erklärt werden, dass ich diese Station zusammen mit Samira gegründet und erbaut habe. Im September 2006 habe ich Griechenland verlassen und habe am 20.01.2013 das erste Mal wieder die Station betreten.
Ja, Ja – die Schatten
Am Morgen des 20.01.2013 öffnen wir das Tor zur Schleuse. Samira zeigt auf eine alte Hündin und mahnt etwas zur Vorsicht. Alle anderen Hunde im Schleusenbereich sind harmlos und können problemlos passiert werden. Die Alte ist blind und könnte wegen fehlendem Wiedererkennungsriecheffekt erst einmal zubeißen. Wir schlängelten uns durch das kleine Rudel im Schleusenbereich, knuddelten ein wenig den Bounty, der hemmungslos einige Streicheleinheiten einforderte und standen vor Tor 2. Da standen sie, die noch lebenden Hunde meiner früheren „Jagdbeute“, die Narkoseblasrohrbeute, die Hunde, die trotz aller Ängste und ohne es zu wissen, den Weg zur Station gebucht hatten; der Knautsch, der Ole, die Niki, die Asta, der vor 9 Jahren schon am Strand liegende „tote“ Karli, der Jack und eine mir unbekannte kleine Hündin namens Wilma. Meine Emotionen schlugen Purzelbäume. Ich drückte die Klöße weg und konnte mit relativ fester Stimme ihre Namen rufen. Wir zwängten uns durchs Tor und dann
hatte ich zu kämpfen.
Alle wollten etwas sofort, was aber die Anzahl der Hände beim Menschen nicht möglich machte.. Selbst Asta, die ewig zickige Knalltüte, gab alles für eine verschmelzende Begrüßung. Niki und Jack betrachteten ungläubig, aber auch ein wenig neidisch, wie der Rest dieser Truppe meine Emotionen belastete. Asta und Ole wollten ständig Pfötchen geben, Knautsch tollpatsche in meine Armbeuge und Karli wollte permanent getätschelt werden. Er ließ mich nicht aus den Augen und stupste bei jeder Gelegenheit unter den Arm. „ Das machen Sie mit Fremden nicht“, war der Kommentar von Samira, „Die haben Dich wieder erkannt“, war die zweite Schaufel, die sie mir verbal über die Rübe knallte.
Dann begrüßten wir die Helfer auf der Station, ausnahmslos engagierte Tierschützer, erzählten dies und jenes und absolvierten dabei ein kleines Frühstück. Zwischendurch ging ich auf den Vorhof und setzte mich rauchend auf eine Palette. Sofort kam wieder Karli angeschlichen, Ole von der anderen Seite und Asta kratzte mir mit ihrer Pfote den Rücken. Ich verlieh mir einen Panoramablick und war von dem, was meine Linsen aufnehmen konnten, begeistert. Diese Station ist einfach nur schön. Farben kämpfen um die Gunst mit kreativen, baulichen Wagnissen, die damals noch dünnen Bäumchen strotzten mit ihrer Kraft und wollten selbst in der Wintersonne schon Schatten spenden. Es war eine einzige Freude der Sinne. Da ich gerade dabei bin, am Tag darauf schaute ich mir meine Hinterlassenschaft etwas genauer an und mein Fazit ist zu 100 % positiv: Alles, aber auch wirklich alles, was nach mir angebaut, verbessert, verlängert, geändert oder auch erneuert wurde, ist so etwas von detailverliebt , niedlich, kreativ und mit höchster handwerklicher Solidität durchgeführt worden, das man als Mitglied in dieser Organisation nur Stolz und nochmals Stolz für diese Einrichtung empfinden darf. Man sollte diese Beschreibung niemals verwechseln mit Luxus. Es wurden Spenden und Material für ganz kleines Geld verbaut. Palettenweise wurden Fliesenreste für 1 Euro je Quadratmeter erworben und dann mit Liebe und noch mehr Phantasie verbaut. Ich kenne mittlerweile sehr viele Tierschutzeinrichtungen, vor allem in Deutschland und was muss ich feststellen: keine kann es mit unserer Station aufnehmen; die sind einfach chancenlos. Krass, oder?
So, wieder zurück zur Palette und der kratzenden Asta. Das Frühstück war beendet und wir gingen zum Haus von Samira und Salina. Als erstes sah ich das Grab von Nuri. Es würgte. Rea, Tempo, Bolucka, Mäuschen, Dackelchen , Hilde und der große Nuri waren damals auch die Bewohner dieses wunderschönen Hauses. Ich schaute auf den Athos, den heiligen Berg, wollte gerade in die Vergangenheit hinübergleiten, als die Schatten eben dieser Vergangenheit mich in die Realität zurück holten. Cora und Snowy kamen an gebrettert und noch bevor ich ihre Namen aussprechen konnte, hatte ich Cora in der Senkrechten an mir kleben.
Wieder nahm sich Samira eine Schaufel und sagte ebenfalls berührt, dass die Schatten einen nicht vergessen. Jetzt war ich hinüber und doch befreit.
Auch hier waren die damals zarten Pflanzen nicht faul gewesen und haben ihr Grün dem lehmigen Boden entgegen gesetzt. Ich schaute auf die Altenstation, auf den Wildstrauch unter dem Sam und Else liegen und wieder auf den Athos. Nicht nur, dass die Station ein visuelles Kleinod ist, auch die Landschaft um den Hügel der glücklichen Hunde ist etwas eigenwillig Wunderbares. Der damalige Acker hat sich zu einem kleinen Paradies gemausert und kämpft mit dem Umland um die Gunst des Betrachters. Wir alle, die sich dieser Aufgabe durch persönlichen Einsatz und finanzieller Unterstützung verpflichtet fühlen, sollten immer dafür eintreten, dass die Natur den Wettstreit niemals gewinnen wird; will sagen, dass die Natur, das soggenannte Umland mit seiner Schönheit am Zaun der Station aufgehalten wird.
Diese Tierschutzeinrichtung ist eine überzeugende Entschuldigung für die Grausamkeiten einzelner menschlicher Exemplare gegenüber den Tieren. Als solche ist sie Vorbild für andere, die sich nicht einfach wegdrehen wollen und den ausgesetzten Tieren eine Option für´s Leben geben möchten.
Samira gab uns ihr Auto und wir begannen eine Rundfahrt um die Sithonia. In Ormos Panagia, dem Ablegehafen der Athosfähren, schlich ein gut genährter Rüde über den Dorfplatz. Menschen sahen wir keine und man hätte annehmen können, dass dieses Fleckchen Erde auch ganz gut ohne diese Art auskommen könne. Weiter ging die Fahrt in Richtung Kalamitzi, Zwischenstopp in der wohl schönsten Bucht der Sithonia, noch ein schwermütiger Blick auf den Athos und schon waren wir kurz vor Nea Marmaras.
In einer kleinen Bucht besuchte ich Freunde vergangener Tage, fragte dieses und jenes und erfuhr ganz beiläufig, dass ein verrückter, alkoholkranker Grieche am Strand mittlerweile an die zwanzig Schäferhunde beherbergt. Ich kenne den Typen und es ist mir völlig unverständlich, weshalb er nicht wenigstens die Weibchen bei Samira kastrieren lässt. Die nächste Baustelle tut sich gerade auf und es werden immer wieder solche Baustellen entstehen. Das ist auch ein Teil der griechischen Mentalität.
Hinter Nea Marmaras passierten wir Agios Jannis, eine große Bucht, die früher die Heimat von Hasenkind und Tochter war (gell Jochen). Gedanken, Erinnerungen und viele, viele Hunde begleiteten mich geistig während dieser Rundfahrt. In einer der schönsten Landschaften Griechenlands war ein vermeintlicher Frieden eingekehrt. Insgesamt begegneten uns während der 110 km Rundfahrt gerade mal 3 Hunde. Kein toter Hund am Straßenrand. Früher wären es 30 gewesen und davon 10 in den verschiedensten Phasen der Verwesung. Die Arbeit von Samira und Kollegen trägt einfach Früchte und ohne einzelne Grausamkeiten in ihrer Unerträglichkeit herunter zu spielen, ist die Summe des Elends enorm gesunken.
Am Abend gingen wir alle zusammen Essen. Das Restaurant war leer; wir waren die einzigen Gäste. Die Krise ist in Griechenland unübersehbar angekommen.
Am darauffolgenden Morgen holte uns Samira am Hotel ab, welches früher der jahrelange Aufenthaltsort von Emma war („Emma stirbt“), und wir erledigten wie schon am Tag zuvor die Fütterrunde am Strand von Nikiti. Beach Boy und eine etwas ängstliche Hündin, die ihren Welpen bald auf die Station folgen wird und einige Katzen waren alle Tiere, die gefüttert werden mussten. Auch diese Zahl ist im Vergleich früheren Fütterrunden verschwindend klein.
Der Tierschutz im direkten Umfeld der Station ist bei dieser vergleichenden Analyse, d. h. die Anzahl der unversorgten Tiere, einfach nicht zu übersehen. „Gute Arbeit, Samira und Team!!!“
Tagsüber unternahm ich eine kleine Zeitreise. Unser altes Haus in Nikiti, wo noch mit Schreibtischlampe und Küchentisch im Gästezimmer kastriert wurde, Besuch unser ehemaligen Nachbarn, die Hügellandschaft oberhalb Nikitis, meine alte Surf- und Schnorchelbucht und viele Unterhaltungen mit guten Freunden. So ein Tag kann verdammt schnell vergehen.
Am Tag der Abreise fuhren wir morgens zur Station. Tag´s zuvor hatte ich schon den Hund mit dem Wirbelsäulenschuss entsorgt und als wir ans Tor kamen, musste schon wieder ein Hund erlöst werden. Der Rüde von Ormos, den wir zu Beginn unserer Rundfahrt kennen gelernt hatten, war so schwer angefahren worden, dass den besten Dienst, den wir dem armen Kerl noch leisten konnten, darin bestand, dass er Erlösung in liebevollen Armen fand. Ja, Tierschutz wird auch immer grausame Momente mit sich bringen. Die Belastung der Seele braucht aus diesem Grund immer einen Ausgleich. In der Verladung der Hunde für den Transport zum Flughafen verschafften wir uns dieses psychisch notwendige Gegengewicht. Bounty, der schon viel auf dieser Welt erleben und erleiden musste, wurde unter dem Schluchzen von Salina, Samiras und Nikos 4 jähriger Tochter, sanft in die Transportbox geschoben. Es war ein Zufall, aber die Box trug die hubertsche, handschriftliche Aufschrift: „Wir fliegen in eine lebenswerte Zukunft“. Manchmal kann die Zeit auch stehen bleiben. Samira tröstete ihre Kleine mit der Wahrheit: „Der Hubert bringt den Bounty in sein neues tolles Zuhause; das ist doch toll, oder?“. Ja, es ist toll!!! Salina verstand und hörte auf zu weinen.
Dann kam die etwas ängstliche Wilma in die Box, schnell noch drei Welpen und schon ging es wieder in Richtung Deutschland. Am Flughafen verlief alles reibungslos. Noch schnell die neue Hündin für Ruth und Jochen in die Box und schon kam die Zeit des Abschiednehmens.
Ich sah in Samiras Gesicht und konnte 16 Jahre Tierschutz in vorderster, erbarmungsloser Front lesen. Dieser Strich in der Landschaft, zumindest im Vergleich zu meinen Speckröllchen, ist aber zäh; eine wahrhaft starke Frau. In der griechischen Sprache gibt es den männlichen Vornamen Apostelos, der Berufene. Samira ist eine Aposteline – ihr Handeln ist eine Berufung. Sie muss und sie wird noch viele Jahre durchhalten; durchhalten wollen. Unsere Unterstützung für das kleine Paradies auf dem Hügel der glücklichen Hunde ist eine der wesentlichsten Voraussetzung für diese Beschwörung.
Hubert



